Wie funktioniert Kunst...?

Der Arbeitsprozess in den Kunstsparten geht voran und hat nach den Sichtungsaufführungen im Theater Freiburg neue Energie gewonnen!

Ein Spot aus dem Arbeitsprozess in der Sparte Bildende Kunst….

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Wie funktioniert Kunst?

Hinter uns liegen faszinierende und inspirierende Sichtungsaufführungen, die uns den Reichtum des bislang erarbeiteten künstlerischen Materials aus der ersten Projektphase gezeigt haben. Immer wieder ging ein Staunen durch den Raum: „Wir wussten bislang gar nicht, was wir schon alles gemeinsam geschafft haben“. Und wir als Team, das aus KünstlerInnen, PädagogInnen und der Regie besteht, teilen dieses Staunen und spüren den Energieschub nach diesem erfolgreichen Wochenende. Mittlerweile haben wir mit der Spartenarbeit begonnen. Die drei Gruppen „Tanz“, „Musik“ und „Bildende Kunst“ entwickeln das künstlerische Material für die Abschlussperformance im Mai. Unlängst habe ich gelesen, dass Aristoteles gesagt haben soll, dass das Staunen der Beginn  des Denkens sei. Aktuell scheint mir, dass sein Geist mit voller Energie frischen Wind in unser Kontaktkunst-Projekt hinein trägt. Von Zeit zu Zeit verfügt dieser sogar über die geballte Kraft, etwas von der Konzentration des künstlerischen Arbeitsprozesses hinweg zu wehen. Es wird an vielen Fragen – speziell zur Rolle der Bildenden Kunst – diskutiert.

„Ich dachte, wir malen ein Bühnenbild zum Thema Inklusion. Jetzt machen wir was ganz Anderes. Was hat das denn miteinander zu tun?“

Derartige Fragen sind berechtigt. Sie verlangen nach Antworten…

An der Schwelle zwischen traditionellem und zeitgenössischem Kunstbegriff:

Vielleicht erinnert sich die Eine oder der Andere an die „Lebenden Skulpturen“ zu Beginn der Sichtungsaufführungen? Im Raum stand ein dreidimensionales Bild, das aus mehreren lebensgroßen Einzelelementen gebaut war. Sichtbar war die Farbigkeit der Elemente und die plissierte Papieroberfläche, in der sich das Licht auf vielfältige Weise gebrochen hat. Nach und nach begannen die Skulpturen zu zucken, kleinere und dann größere Bewegungen auszuführen, sich den anderen Skulpturen zu- oder abzuwenden, eine Skulptur begann sogar zu rollen. Plötzlich gaben die lebenden Skulpturen mehr und mehr von ihrem Innenleben preis: Performende aus dem Kreis der Projektteilnehmenden kamen zum Vorschein, die sich aus den bemalten Papierbahnen heraus schälten und sich dieser entledigten. Nun lagen die grünen, orangen, grauen, braunen und blauen Papierbahnen regungslos auf dem Boden. Menschliche Bewegung und bemalte Fläche im Teamwork führten zu einer besonderen Ästhetik, welche weder mit den alleinigen Mitteln der Bildenden Kunst noch mit denen des Tanzes erreichbar gewesen wäre.

Dieses Bild der „Lebenden Skulpturen“ würde nicht funktionieren, wenn man einen traditionellen Kunstbegriff zugrunde legte. In Abgrenzung dazu, ist der zeitgenössische Kunstbegriff keinem Realismus verpflichtet, der sich durch perfektes künstlerisches Handwerk und der Erzählbarkeit einer Geschichte auszeichnet. Dieser setzt vielmehr auf eine vielschichtige Ästhetik, die es vermag, die Essenz einer Idee zu transportieren. Funktioniert ein Werk, nehmen die Zuschauenden wahr, wie sich die Atmosphäre im Raum verdichtet und die Energie des Werkes von ihnen Besitz ergreift. Dann ist es als ZuschauendeR kaum möglich, sich gegen eine emotionale und/oder intellektuelle Beteiligung zu wehren. Der Rollenwechsel vom Konsumierenden zum Agierenden vollzieht sich. Dadurch vermag Kunst sowohl in der Produktion als auch in der Betrachtung  neue Sichtweisen frei zu legen und bislang bestehende Denk- und Handlungsmuster infrage zu stellen.

Ein „Screenshot“ aus dem Labor der Bildenden Kunst – Stand November 2018:

Mittlerweile wurden zahlreiche Ideen aus der ersten Projektphase einem „Realitätscheck“ unterworfen. Durch eine gemeinsame Sitzung des Kontaktkunst-Teams mit der Regie, der Besichtigung des Aufführungsortes und einem Gespräch mit der dortigen Kontaktperson mussten leider auch sehr gute und inspirierende Ideen aus der Bildenden Kunst verworfen werden. Das Schicksal auch hervorragender Ideen kann vorsehen, dass sie nicht mit den herrschenden Rahmenbedingungen in Einklang gebracht werden können. Künstlerische Prozesse beinhalten auch frustrierende Momente, die es zu überwinden gilt. Die aktuelle Herausforderung in der Spartengruppe „Bildende Kunst“ liegt darin, Partikularinteressen dem gemeinsamen Abschlusswerk im Mai unterzuordnen und die Abschlussperformance zur gemeinsamen Sache zu machen.  

Unser Aufführungsformat ermöglicht die Realisierung einer Collage aus zeitgleichen und  zeitversetzten künstlerischen Aktionen am Aufführungsort. Aktuell starten wir den Bau von vier kleinformatigen Modellen. Sie zeigen Ausgangsideen für verschiedene Stationen, die im weiteren Projektverlauf mit den anderen künstlerischen Sparten verflochten und verwebt werden müssen.

  • Das Spiel mit gegenstandsfreien, halbtransparenten Farbflächen inkontrastierenden Formaten. In der Interaktion mit den Performenden entstehen neue Farbmischungen

  • Ästhetische Experimente mit dem gestalterischen Potenzial von dreidimensionale Behausungen aus halbtransparentem Stoff und dem willkürlich definierten Innen- und Außenraum

  • Der Einsatz von Masken im Spannungsfeld von Konstruktion und Dekonstruktion Gestalterische Möglichkeiten mit Kleidung zwischen deren Funktionalität in der eigenen Biographie und deren Entfunktionalisierung

Und was soll das alles mit Inklusion  zu tun haben?

Auch diese Frage ist berechtigt! An dieser Stelle meldet sich der Geist von Aristoteles erneut zu Wort und greift uns hilfreich unter die Arme: Wenn dem so sei, dass das Staunen der Beginn des Denkens ist, dann lässt mich gute Kunst auch dann nicht kalt, wenn ich mich entzückt oder entnervt abwende und die Situation verlasse. Scheinbar ist sowohl die Produktion als auch die Betrachtung von Kunst mit „Risiken und Nebenwirkungen“ verbunden. Wenn mir unter der Dusche unvermittelt eine Momentaufnahme der Sichtungsaufführung in den Sinn kommt, hat mich die Energie dieses speziellen Momentes erfasst und von meinem Denken Besitz ergriffen.

Mein Leben besteht aus Denken, Fühlen und Handeln. Die künstlerische Energie scheint etwas davon anzusprechen und heraus zu fordern. Gleichzeitig sind wir Menschen soziale Wesen, die nur im Kontakt mit ihresgleichen überlebensfähig sind. Das bedeutet, dass viele unterschiedliche Perspektiven aus Denken, Fühlen und Handeln miteinander zu verzahnen sind. Idealerweise geschieht das in einem Gleichgewicht aus „Geben und Nehmen“, das in unserer Gesellschaft aus der Balance geraten ist.

Wir leben in einer Welt, die durch ungleiche Machtverhältnisse und ungleiche Chancen gekennzeichnet ist. Das Konzept der sozialen Inklusion beschreibt ein menschenrechtsbasiertes Gegenmodell, das Vielfalt als Wert anerkennt und allen Menschen und gesellschaftlichen Gruppierungen Teilhabegerechtigkeit ermöglicht. Deshalb freuen wir uns sehr, dass Kontaktkunst-Teilnehmende mit ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund, ihrer Muttersprache, ihrer Religion, ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrem Gesundheitszustand und ihrer körperlichen Fitness diese gesellschaftliche Vielfalt repräsentieren.

Unsere künstlerischen Aktivitäten sind als Labor zu betrachten, in dem wir gemeinsame Erfahrungen sammeln und uns in unserer inklusiven Haltung erproben. In der Transferphase des Projektes lassen wir den künstlerischen Prozess Revue passieren und beschäftigen uns mit dem entstandenen künstlerischen Werk. Sowohl die Reflektion des künstlerischen Prozesses als auch die Betrachtung des Werkes, führen uns zu neuen Erkenntnissen und ermöglichen Perspektivwechsel. Die Kunst öffnet unser Denken und gibt uns Hinweise, wie eine inklusive Haltung im bestehenden gesellschaftlichen Kontext gestärkt werden kann.  Aber dazu erzählen wir später mehr.

Barbara Wolf

 

 

 

Bildende KunstSabine Pitsch